Smart TV: Der steinige Weg zum Multimedia-Terminal

Mediale Kernfusion im Wohnzimmer


Von Michael Stadik

Freier Fachredakteur

 

 

Der Pilotversuch zum Full Service Network des US-Medienriesen Time Warner in Orlando/Florida war in den 1990er Jahren eine spektakulre Pleite, die dem interaktiven Fernsehen den Ruch eines risikoreichen Experiments mit hohem Flop-Potenzial bescherte. Dennoch liebugeln auch zwei Jahrzehnte spter zahlreiche Unternehmen auf der ganzen Welt mit der Idee, die Funktionen von Fernsehen und Individualkommunikation in einem Gert zu verschmelzen. Vorbild fr diese mediale Kernfusion im Wohnzimmer ist die Konvergenz in der digitalen Welt, die sich in den vergangenen Jahren vornehmlich auf modernen Computern, Tablet-PC oder Smartphones gezeigt hat.

 

Elf Millionen Smart TV-Gerte   aber viele sind nicht angeschlossen

 

Als Rckkanal beim interaktiven Fernsehen hat sich das Internet Protocol (IP) etabliert, das als Lingua Franca des digitalen Zeitalters weltweit bewhrt und normiert ist. Dadurch wurde auch die Entwicklung des herkmmlichen TV-Empfangsgerts zum Multimedia-Terminal betrchtlich beschleunigt. In Deutschland soll es zur Jahresmitte 2012 mehr als elf Millionen Gerte gegeben haben, die dank eingebauter Prozessoren, hybrider Set-Top-Boxen, Blu-ray Player oder Web-Boxen sowohl das lineare Fernsehen als auch das Internet auf einem Bildschirm darstellen knnen. Laut der Studie IP Trendline besitzen zu Jahresbeginn 2013 gut ein Viertel der 14- bis 65-jhrigen Deutschen einen internettauglichen Fernseher. Allerdings weisen viele Experten darauf hin, dass nicht alle Web-fhigen Gerte auch tatschlich ber Kabel (LAN) oder Funk (WLAN) mit dem Internet verbunden sind.

 

Auch die Onlinenutzung via Smart TV hlt sich in Grenzen

 

Aber selbst wenn der Internet-Zugang installiert ist, bleibt die Nutzung bersichtlich. So steht zwar heute bereits bei jedem dritten Online-Nutzer ein internetfhiges Fernsehgert im Haushalt. Doch als Internet-Zugang werden die smarten Fernseher von der Mehrheit nur selten bis nie eingesetzt. Lediglich 13 Prozent der im Rahmen einer W3B-Studie befragten deutschen Internet-Nutzer geben an, regelmig die Online-Anbindung ihres Smart TV zu nutzen. Weniger als ein Drittel tut dies zumindest gelegentlich. Die Internet-Funktion der smarten TV-Gerte bleibt somit zumeist ungenutzt.

 

HbbTV als Basis fr die Verbindung von TV und Internet

 

Wie rasch auch immer die Entwicklung gehen wird: Als Meilenstein gilt die Normierung des europischen Standards Hybrid Broadcasting Broadband Television (HbbTV) im Juni 2010. Damit wurde die internationale Grundlage fr eine echte Verbindung von Internetinhalten mit dem linearen TV geschaffen worden. Namhafte Gertehersteller sowie die wichtigsten privaten und ffentlich-rechtlichen Fernsehsender untersttzen auch in Deutschland diesen Schritt zum TV der Zukunft. Im Internet der Dinge nimmt das Fernsehgert damit Schritt fr Schritt eine zentrale Rolle ein.


Smarter Fernseher mit dem Teletext de Luxe

 

Als zentrales Steuerungselement dient bei HbbTV ein roter Knopf (Red Button) auf der Fernbedienung; ein Internet-Anschluss im Haushalt fungiert als Rckkanal fr das Smart TV. Sozusagen als Teletext de Luxe knnen mit dem neuen Verfahren parallel zum laufenden Programm individuelle Zusatzinformationen und begleitende Anwendungen abgerufen werden. Das Angebot ist inzwischen auf allen Kanlen vielfltig und reicht von Videoarchiven ber Mediatheken bis zu aktuellen Informationen passend zum linearen TV-Programm.

 

Verbreitung von HbbTV schreitet kontinuierlich voran

 

Die Verbreitung des Standards wchst stetig: 2,8 Millionen HbbTV-fhige Fernsehgerte sollen nach einer Prognose der GfK 2012 in Deutschland abgesetzt worden sein. Das ist ein Drittel mehr als 2011. Und: Die Zahl der Haushalte mit mindestens einem an das Internet angeschlossenen HbbTV-Empfangsgert soll sich im Jahr 2013 auf 2,5 Millionen mehr als verdoppeln, so das Marktforschungsunternehmen Goldmedia.

 

Smart TV setzt die Impulse, Online bietet vertiefende Infos

 

Inzwischen liegen auch erste Belege fr die Werbewirkung von Smart TV vor. So erzielte beispielsweise nach einer Studie von SevenOne Media ein HbbTV-Special des Telekommunikationsanbieters Vodafone, das Ende 2012 in einen herkmmlichen TV-Spot integriert war, eine durchschnittliche Verweildauer von knapp acht Minuten. Dieses Phnomen TV setzt Impulse, Online dient zur Vertiefung ist auch unter dem Schlagwort Second Screen inzwischen beinahe alltglich: 59 Prozent der 14 bis 49-Jhrigen nutzen das Internet zumindest ab und an zeitgleich zum Fernsehen, so der Navigator Mediennutzung 2012 von SevenOne Media. Fast ein Drittel dieser Parallelnutzer sucht demnach auch nach Informationen zu Produkten aus der TV-Werbung. Smart TV mit HbbTV knnte denn auch zunehmend ein wichtiger Kampagnenbaustein im Kommunikationsmix werden.

 

Smart TV kann eine Brcke zu den Online-Verweigerern schlagen

 

Immerhin nimmt das Fernsehen in der intermedialen Konkurrenz nach wie vor eine herausragende Position ein: In Deutschland gibt es in so gut wie jedem Haushalt mindestens ein TV-Gert, das fr viele Menschen das Fenster zur Welt darstellt und oftmals den Tagesablauf prgt. Mit einer tglichen Sehdauer von 236 Minuten bei den Erwachsenen ab 14 Jahre liegt Fernsehen hierzulande weit vor jeder medialen Konkurrenz. Zum Vergleich: Das Internet etwa deckt keineswegs die gesamte Bevlkerung ab. 30 Prozent der ab 14-Jhrigen hat in den vergangenen zwlf Monaten das Web nicht zu persnlichen Zwecken benutzt, so die Media-Analyse MA 2012 Pressemedien II. Smart TV knnte somit auch als technische Brcke fr Online-Verweigerer dienen, die bisher um die vernetzte Welt der Computer, Smartphones oder Tablet-PC einen Bogen geschlagen haben.


Quotenhits kehren als VoD vom PC zurck auf den TV-Bildschirm

 

Die HbbTV-Angebote der Fernsehsender, gleichsam die Apps des linearen TV, ergnzen die privaten und ffentlich-rechtlichen Video- und Bewegtbildangebote, die seit Jahren auch im Internet Reichweitenrenner sind. So kehren die zahlreichen TV-Quotenhits von RTL, Sat.1, ProSieben, ARD, RTLII und Co. als Video-on-Demand zurck vom PC auf den Fernsehbildschirm. Verstrkt wird die Konkurrenz der vernetzten Bildschirmangebote auch durch die Alleingnge der Gertehersteller, die eigene, exklusive Anwendungen entwickelt und diese Apps oftmals parallel zu HbbTV in den Fernsehern installiert haben.

 

HbbTV bietet eine offene Architektur

 

Bei der Programmierung dieser Applikationen ist allerdings Feinschliff ntig. So variieren die Vorgaben fr die TV-Portale zum Beispiel von Land zu Land. Auch die individuelle Anpassung von TV-Applikationen fr die verschiedenen Hersteller ist durchaus anspruchsvoll und wird von speziellen Dienstleistern wie dem Hamburger Unternehmen NetRange bernommen. Im Unterschied dazu gengt bei Smart TV auf Basis HbbTV die Erstellung einer Microsite fr alle Endgerte. Internet-Programmiersprachen wie CE-HTML (Hyper Text Markup Language fr Unterhaltungselektronik) oder Java garantieren dabei eine grundstzlich offene Architektur.

 

TV-Portale bernehmen die Schlsselfunktion

 

Auch die anvisierten Zielgruppen unterscheiden sich bei den unterschiedlichen Varianten des interaktiven Fernsehens: TV-Apps bedienen oftmals Nischenbedrfnisse oder eignen sich dank niedriger Programmierungskosten als Video-Plattformen fr mittelstndische Unternehmen. Zudem muss in den Navigationsportalen von Samsung, Loewe und Co. aktiv nach Inhalten gesucht werden. Das HbbTV im Rahmen des klassischen Fernsehens hingegen profitiert von den etablierten Sendermarken, den reichweitenstarken Programmformaten und der direkten Einbindung in das lineare TV-Programm.

 

Politik muss fr Chancengleichheit von TV und Internet sorgen

 

Dennoch sollte die Schlsselfunktion beim interaktiven Fernsehen nicht allein dem Spiel der Marktkrfte berlassen bleiben, denn die zunehmende Verbreitung von elektronischen Programmfhrern (EPG), Navigatoren und App-Portalen wird beim Zugang zu Inhalten in der digitalen Welt immer wichtiger. Die Politik steht hier in der Verantwortung. Denn das Fernsehen ist in Deutschland strikt reguliert und durch eine Vielzahl von Werberichtlinien beschrnkt, whrend die Online-Industrie als vielfach globales Geschft mit deutlich weniger rechtlichen Barrieren zu kmpfen hat. Politische Initiativen, die Chancengleichheit und diskriminierungsfreien Zugang garantieren, sind hier lngst berfllig.

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